Do not cross

Samstag, 12. Oktober 2019

Zebras im Moremi, Botswana

Es gibt solche Tage, an denen man am Abend definitiv sehr viel schlauer ist als noch am Morgen. Die Frage ist nur, welchen Preis man dafür zahlt. Heute ist so ein Tag.

Das Wetter hat sich nur leidlich gebessert; wir hatten ja gehofft, dass es über Nacht aufklart. Fehlanzeige. Heute gönnen wir uns vor dem Rausfahren eine gemütliche Tasse Kaffee und ein paar Rusks und sind deshalb erst gegen viertel nach sieben unterwegs. Erneut Richtung Dead Tree Island, die Ecke hat uns gestern sehr gut gefallen.

Wir kommen an einem einsamen Büffel vorbei, der mich königlich amüsiert. Er veräppelt nämlich Dirk. Dem dreht er wunderbar fotogen den Kopf zu – und sobald Dirk die Kamera im Anschlag hat, schaut er weg. Kamera runter, Büffel schaut uns an. Kamera hoch, Büffel schaut weg. So geht das drei-, viermal. Herrlich.

Büffel im Moremi, Botswana

Natürlich halten wir auch wieder nach den Leoparden Ausschau, sehen sie aber nicht. Wir treffen einen Safari-Wagen, dessen Guide meint, ein kleines Stück weiter hätten sie gerade einen Leo gesehen. Wir suchen und spähen ohne Erfolg. Kurze Zeit später treffen wir ein deutsches Paar; die beiden berichten, an der Fourth Bridge habe man heute Morgen drei Leoparden gesichtet. Klingt nach Mama mit den Jungs.

Gesehen haben die beiden Deutschen das allerdings auch nicht. Nun denn. Dann heute keine Leos. Wir sehen ein paar Lechwe-Antilopen und schießen ein paar schöne Zebra-Fotos. Es wird Zeit fürs Frühstück, wieder lassen wir uns vom Navi leiten. Und wieder führt es uns an eine Wasserdurchfahrt, an der wir gestern schon standen. Und umgekehrt sind.

Dirk steigt aus, schaut kurz. Wir sind uns einig: Die Durchfahrt nehmen wir. Die andere gestern war völlig harmlos und auch diese hier ist nur wenige Meter lang. Wenige Meter zu lang. Der Untergrund ist viel zu weich, der schwere Landy sinkt sofort ein. Hier kommen wir nicht weiter.

Jetzt heißt es Ruhe bewahren und hoffen, dass der Landy nicht komplett einsinkt. Und den unendlichen Ärger über die bodenlose Blödheit, hier reinzufahren, auf später zu vertagen. Ich klettere aus dem Fenster übers Dach ans Ufer. Wir versuchen, irgendwie Äste unter die Reifen zu bekommen, damit der Landy Halt findet. Ein sinnloses Unterfangen.

der Landy steckt fest, Moremi, Botswana

Dirk reicht mir das Satellitentelefon aus dem Auto. Während er noch nach einer Lösung sucht, den Landy doch aus dem Wasser zu bekommen, versuche ich, das Camp in Third Bridge telefonisch zu erreichen. Auf der anderen Seite der Wasserdurchfahrt steht ein Schild, vermeintlich ein Name, eine Ortsangabe?!

Dirk watet durch die schlammige Brühe, um das Schild zu lesen. Darauf steht: „Do not cross.“ Ein schlechter Scherz?! Auf unserer Seite stand so ein Schild leider nicht. Aber wir wissen inzwischen auch, dass es eine suboptimale Idee ist, hier durchfahren zu wollen. Vielen Dank für den Hinweis.

Also muss eine vage Ortsangabe reichen. Ich wähle die Nummer von Third Bridge, die zum Glück auf unserer Moremi-Karte steht. Das Satfon tutet zweimal. Service temporarily unavailable. Ruhig bleiben. Fällt langsam schwer. Dirk rettet derweil ein paar Sachen aus dem Auto, denn der Innenraum läuft nach und nach voll.

Immerhin erreiche ich South Gate; die Dame dort ist zwar nett, aber ähnlich hilflos wie ich. Ja, ähm, sie würde dann mal rumtelefonieren und nach Hilfe fragen, ich solle in einer halben Stunde wieder anrufen. Okay. Oder nein. Nicht okay. Ich versuche nochmal Third Bridge – und habe Glück.

Der Ranger ahnt sofort, wo wir stecken und verspricht, in zehn Minuten da zu sein. Ein Erleichterungs-artiges Gefühl kommt kurz auf, wird aber von dem Wackerstein, der uns im Magen liegt, schnell vertrieben. Aus den zehn Minuten werden fünfundzwanzig, völlig in Ordnung, aber für uns gefühlte zweieinhalb Stunden. Wenigstens scheint der Landy nicht weiter einzusinken.

Der Ranger kommt mit drei starken Jungs im Schlepptau. Sie sondieren die Lage, beratschlagen und versuchen zunächst einmal, den Landy einfach mit dem Land Cruiser rauszuziehen. Keine Chance. Der Landy ist viel zu schwer, mit dem eingelaufenen Wasser gerade erst recht, und der Land Cruiser bekommt auf dem weichen Sand gar nicht genug Traktion. Er gräbt sich vielmehr selbst ein.

Die Jungs schuften und ackern, heben den Landy auf der einen Seite mit dem Wagenheber (also so einem afrikanischen Mordstrumm) an oder versuchen es auf dem schlammigen Untergrund zumindest, um dicke Holzpflöcke unter die Reifen zu schieben. Irgendwann kommt David, der Xomae-Camp Officer, mit einem weiteren Land Cruiser dazu.

Um es abzukürzen: Nach knapp drei Stunden steht der Landy wieder auf trockenem Boden. Immerhin. Sie würden dann mal den Luftfilter ausbauen und den Landy anschleppen, um zu sehen, ob der Motor noch anspringt. Das immerhin tut er, stirbt aber recht schnell wieder ab. Wir schauen tatenlos zu. Was sollen wir auch sonst tun.

Rettungsaktion Landy Teil 1, Moremi, Botswana

Rettungsaktion Landy Teil 2, Moremi, Botswana

Rettungsaktion Landy Teil 3, Moremi, Botswana

Die Jungs vertäuen den Landy an einem der Land Cruiser, um ihn zum Camp zu schleppen. Wir fahren auf dem anderen Land Cruiser bei David mit. Fünf Kilometer. Zweieinhalb Stunden. Weil der Landy so schwer ist, dass sich der Land Cruiser im Sand nach ein paar Metern immer wieder eingräbt und selbst rausgezogen werden muss. Wir sind beide ganz still geworden, wollen nur noch, dass es aufhört.

Sie schleppen den Landy auf die Campsite, es gibt eine Runde Wasser für die Jungs, denn die haben in der Hitze geackert, ohne etwas zu trinken. David gibt sich zweifelnd. Doch, doch, der Motor müsse noch tun. Aber die Elektrik habe sicherlich Schaden genommen. Wir haben dafür nur ein müdes Lächeln.

Das zu einem breiten Grinsen wird, als David den Schlüssel im Zündschloss dreht und der Motor ohne zu zucken anspringt. Was uns in diesem Moment fast noch mehr berührt: Die drei Jungs, David und auch Selelo, der Ranger, freuen sich ganz aufrichtig mit uns. High Five allerorten.

Ok, der Motor tut also. Immerhin. Die Batterien für Motor und Kühlschrank scheinen zwar die Spannung nicht mehr lange halten zu können, tun aber noch ihren Dienst und laden bei laufendem Motor auch ganz brav. Auch gut. Das verbogene Blech, das Wasser in einer der Vorderleuchten, den abgefallenen Reflektor, das verkraften wir.

Jetzt also zum Innenraum. Ich habe mich immer gefragt, wie so ein vollgelaufener Keller nach Hochwasser am Rhein wohl aussieht. Ich glaube, ich weiß es jetzt. Wir fangen an, schlichtweg alles aus dem Auto rauszuräumen, sauberzumachen und trockenzulegen, was geht. Dass dabei eine Elefantenherde direkt über die Campsite zieht, verringert unseren Stresslevel nicht unbedingt.

Und wir bleiben dann wohl einen Tag länger in Third Bridge, als ursprünglich geplant. Immerhin haben wir kein Problem mit der Campsite, denn wir hatten durch einen Fehler bei Xomae sowieso eine Buchung für eine Nacht zu lang. Und weil das Buchen ein ätzendes Hin und Her war, hatte ich diesen Fehler nicht korrigieren lassen. Womit wir beim DWNP auch eigentlich eine Nacht zu viel Eintritt bezahlt hatten. Das nimmt uns jetzt zumindest diesen Stress.

Langsam macht sich die Anspannung des Tages bemerkbar. Wir räumen noch ein wenig rum, grillen uns ein sehr leckeres Sirloin aus dem Kalahari Meat Market und liegen schnell im Zelt. Beide immer noch fassungslos, wie wir uns so dämlich anstellen konnten. Werden wir irgendwann einmal kein Lehrgeld in Afrika mehr zahlen?

Fazit des Tages: Der Moment, in dem man realisiert, dass die Situation nicht mehr zu retten ist, fühlt sich echt beschissen an. Oder, um es mit Dirks Worten zu sagen: „Scheiße, jetzt ist Kacke!“ Und wenn man auch noch weiß, dass man 100 %-ig selbst schuld ist, dann wird das Gefühl noch einmal sehr viel mieser.

2 thoughts on “Do not cross

  • 17. Oktober 2019 at 15:52
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    So. JETZT kenne ich die Geschichte. Aber ich halte mich doch zurück. Es tut mir total leid, dass Euch das passiert ist und ich bin heilfroh, dass die Jungs so fleißig geackert haben und dass es Euer Landy wieder getan hat. Und dass Ihr weiter urlauben konntet und heil da rausgekommen seid. Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr Ihr Euch über Euch geärgert habt und das Schild ist der pure Hohn. Das muss schier zum Verzweifeln geweesen sein, als das Auto immer mehr eingesunken ist. Also kein Spott! Seid gedrückt!

  • 16. Oktober 2019 at 11:25
    Permalink

    So, da wir nun aus unseren Herbstferien (Dresden und Spessart) zurück sind, habe ich mich mal eurem Reisebericht gewidmet.

    Da hatte ihr ja aber großes Pech mit eurer „Flußüberquerung“, letztendlich konntet ihr ja doch den Wagen bergen – es hätte also alles viel schlimmer kommen können.

    Z.B. hätte ja ein Krokofant (dies ist eine Mischung aus Krokodil und Elefant) euren Wagen mit einem Haps verschlingen können. Ein Adlerpferd (na… eine Mischung aus Adler und Flußpferd), hätte den Wagen packen und wegfliegen können. Hy-Löwen ihn fressen, Leo-Nasen ihn aufspiesen, Zebrüffel ihn platt trampeln, Schlakale ihn mit Gift besprühen, Gepaffen ihn zerkratzen können – mir fallen noch etliche andere Gefahren ein -aaabbbbeeerrr dies ist ja zum Glück nicht passiert.

    Nichts desto trotz ist es sehr ärgerlich, weil es auch mit Kosten, Zeitverlust, Umständen, viel Arbeit, Ärger und schlechter Laune verbunden ist. Rüttelt euch einfach mal gegenseitig durch trinkt euren Gin, Whiskey usw. auf einmal leer und am nächsten Tag ist alles anders.

    Richtig… keine Zeit mehr für Verdruß, denn ihr habt zumindest eine dicke Birne! 😉

    Alles Gute, Kopf hoch, lasst euch nicht davon runterziehen und auf zu neuen Abenteuern, Spaß und guten Fotos.

    Gerrit (u. Familie) 🙂

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