Kontinental-Hüpfer

Sonntag, 24.04.2011

Och nö! Beim Blick aus dem Fenster am Sonntagmorgen stellte ich mal wieder unter Beweis, dass ich einen ausgesprochen großen Wortschatz habe – zumindest wenn es um derbe Schimpfworte geht. Der Himmel war komplett bedeckt, kein Fitzel Blau zusehen. Das war so nicht bestellt gewesen. Angesichts des Wetters änderten wir die Pläne für diesen Tag: Sechs Stunden im Innenraum auf einem schaukelnden Schiff ohne jede Aussicht auf vernünftige Fotos mussten wir uns nun wirklich nicht antun. Aber was dann?

Ach ja, da war noch was: Wir hatten es bisher noch nicht geschafft, uns die Blaue Moschee von innen anzuschauen. Die perfekte Gelegenheit! Und dort erwischte es uns dann auch – Schlange stehen! Aber es war harmlos, wir waren wieder recht früh, die Schlange bewegte sich recht zügig und nach einer guten Viertelstunde waren wir dann auch endlich drin. Zusammen mit gefühlt mindestens tausend anderen Touristen, die sich gegenseitig auf den Füßen standen. Die Blaue Moschee ist wirklich schön, aber Atmosphäre kann bei diesen Besuchermassen schlichtweg gar nicht aufkommen. Wobei wir in Istanbul ohnehin merkten, dass uns viele Moscheen sehr gut gefallen haben – das uns aber die Atmosphäre fehlte, die wir sonst in Glaubenshäusern (und vornehmlich in Kirchen) erlebt hatten. Ein Kulturproblem? Wahrscheinlich. Aber das müsste man dann ja lernen können. Wir sind jedenfalls guten Willens.

Was uns in der Blauen Moschee besonders auffiel und nervte: Viele der Touristen können oder wollen sich nicht benehmen, zeigen keinerlei Respekt. Frauen ignorieren die Kopftuchpflicht, es wird gebrüllt und am Ende geht es vor allem darum, die Reisegruppe möglichst schnell durchzuschleusen, denn das restliche Tagesprogramm hat es noch in sich. Nein, sorry, das war leider das Lowlight unserer Istanbul-Reise.

Reisebericht Istanbul Blaue Moschee

Nach diesem Erlebnis freuten wir uns umso mehr darauf, von Eminönü mit der Fähre auf die asiatische Seite nach Kadiköy überzusetzen. Nachdem Dirk am Jeton-Automaten den Jackpot geknackt und wir inmitten all der Münzen endlich den Chip für die Drehkreuze gefunden hatten, bewunderten wir den Blick auf die Großen Drei: Hagia Sophia, Topkapi und Blaue Moschee. Traumhaft schön, fast schon kitschig. Aber null Licht. Und wer uns kennt, der kann sich vorstellen, dass wir nicht gerade glücklich darüber waren.

In Kadiköy erwarteten uns zum ersten Mal deutlich weniger Touristen, es war richtig angenehm, dort durch die Gassen zu laufen. Gleich hinter dem Hafen beginnt ein sehr nettes Viertel, in dem uns – wen wundert’s – vor allem die Lebensmittelstraße ausgesprochen gut gefallen hat. Und wenn man uns permanent mit leckerem Essen lockt, dann darf man sich nicht wundert, wenn wir es vertilgen. In diesem war es Fall gegrillter Fisch, auf dem Rückweg zur Fähre mussten dann auch noch Baklava und ein klebrig-süßer, gigantisch leckerer Pistazienkringel dran glauben.

Reisebericht Istanbul Markt Kadiköy

Wir hielten uns zwar standhaft daran, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, das Wetter gab aber den Spielverderber und blieb Grau in Grau. Uns blieb nur eine Wahl: ein fauler Nachmittag im Hotel mit der einen oder anderen Tasse Cay. Mal ganz unter uns: Das war auch sehr erholsam … Jedenfalls eine Weile lang. Bis die Hummeln im Hintern wieder zuschlugen. Ergebnis: ein gemütlicher Nachmittagsspaziergang durch den Gülhane-Park und ein Maiskolben als letzte Rettung vor dem Hungertod, der uns in Istanbul permanent drohte. In dieser Stadt gibt es einfach dauernd und überall etwas zu essen. Das Schaube-Paradies!

Müge war inzwischen auch wieder zurück in Istanbul, wir telefonierten, aber sie klang sehr müde – was wir beide gut verstehen konnten, bei dem, was sie gerade durchmachte. Also fragte ich gar nicht mehr, ob wir uns noch sehen würden, ich wollte keinerlei Druck machen. Und schließlich sind weder Istanbul noch Wiesbaden aus der Welt, wir würden uns wiedersehen, das stand schon fest, und diesmal würde es keine 27 Jahre dauern. Dirk hatte Müge nämlich geködert – seine Kochkünste würde sie schon gerne mal selbst testen. Nun denn, jederzeit gerne!

Für das Abendessen entschieden wir uns für das Restaurant Özler, auch eine Empfehlung des Reiseführers. Es war entsprechend gut von Touristen besucht, das störte uns an diesem Abend nicht wirklich und das Essen war wirklich lecker. Der Raki dazu erstaunlicherweise auch. Ich mag Anisschnaps ja eigentlich gar nicht, noch nicht mal den Pastis in Südfrankreich. Aber an den Raki hätte ich mich – zumindest an diesem Abend – gewöhnen können. Vielleicht lag das auch daran, dass er wunderbar hilfreich war, diese Massen zu verdauen, die wir schon wieder vertilgten. Istanbul machte uns irgendwie hungrig.

Es war deutlich milder als die Abende zuvor – wenigstens für irgendetwas waren die Wolken am Ende dann doch noch gut. Wir genossen also draußen vor dem Hotel noch einen türkischen Mokka und betteten dann die müden Häupter (und die müden Füße!!!) zur verdienten Nachtruhe.

Reisebericht Istanbul Kybele-Hotel